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12. Schwäbischer Literaturpreis 2016 zum Thema „Kindheit“

15.11.2016 Erster Preis an Julia Kersebaum aus Basel (CH) Zweiter Preis an den Augsburger Michael Lichtwarck Dritter Preis an Philipp Brotz (Freiburg/Br.) Sonderpreis „Junger Autor“ an Lars André Amann

v.l. Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl, 1. Preisträgerin Julia Kersebaum, 2. Preisträger Michael Lichtwarck-Aschoff, 3. Preisträger Philipp Brotz, Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert. Jugendpreisträger Lars André Amann war nicht anwesend.
Die Preisträger mit Heimatpfleger Dr. Peter Fassl und Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert (Bild: Andreas Lode)

Mit dem Thema „Kindheit“ hatte der 12. Schwäbische Literaturpreis offensichtlich einem Zeitbedürfnis entsprochen, schloss Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert bei der Preisverleihung am Dienstagabend in Augsburg aus der hohen Beteiligung mit 232 Einsendungen, davon 22 von jungen Autoren unter 25 Jahren: „Für uns stellt das ein deutliches Zeichen für dessen Etablierung und Stellenwert im deutschsprachigen Literaturbetrieb dar, betonte Reichert. Er beglückwünschte die Autoren zu Ihrem „Einfallsreichtum und der Originalität der Texte, einer Bereicherung für die schwäbische Literaturlandschaft“. Reichert unterstrich, dass „der Bezirk Schwaben, unterstützt von einer kompetenten Jury, mit Überzeugung neue und auch junge Autoren fördert und veröffentlicht.“

Eingeladen waren Autoren, die im schwäbisch-alemannischen Kulturraum leben oder in diesem ihre biographischen Wurzeln haben.

Erinnerte, erträumte und konstruierte Kindheiten

Dr. Peter Fassl, Bezirksheimatpfleger und Initiator des Literaturpreises, wies auf die große Bandbreite der geschilderten Kindheitsgeschichten von den 1940er Jahren bis zur Gegenwart: „Dieses Motiv eröffnete unseren Autoren ein weites Feld von autobiographisch geprägten Erinnerungsberichten mit präzisen Angaben bis zu phantasievollen Märchen und witzigen Pubertätsgeschichten.“ Rund 50 Beiträge kamen von Autoren, die vor 1955 geboren wurden und auf die Schrecken des Krieges zurückblickten. „Es sind erinnerte, erträumte und konstruierte Kindheiten, die ja im Rückblick verfasst sind“, führte Fassl weiter aus. „ Schwer liegen die Traumata oder das Schweigen der Erwachsenen in der Nachkriegszeit auf dem Erleben der Kinder. Die Beschädigungen der Eltern werden an die Kinder weitergegeben. Krass werden dagegen die heutigen Kindheiten erzählt“, sagt Fassl. „Die Kinder und Jugendlichen leiden zwar materiell weniger Not, doch so allein, hilf- und orientierungslos war man in einer noch stärker geschlossenen Gesellschaft nicht. Die sprachliche Bandbreite reicht von ruhigem Erzählton bis zur Jugendsprache“.

Erster Preis, 2.000 Euro Preisgeld:

Mit „Unvergesslich“, dem kurzen Text der Preisträgerin des Schwäbischen Literaturpreises 2016, Julia Kersebaum „haben wir es mit einem in großer Nüchternheit zu Papier gebrachten Erinnerungsbericht zu tun“, eröffnete die Literaturprofessorin Dr. Bettina Bannasch ihre Laudatio. Julia Kersebaum, geboren in Düsseldorf, studierte und arbeitete u.a. in den USA. Heute lebt sie in Basel. Sie skizziert in dieser ungewöhnlichen Geschichte zwei ungleiche Freundinnen. Ihre miteinander verschlungenen Lebenswege von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter laufen wenig überraschend auf ihre je ganz unterschiedliche Weise ‚schief’. „Die Lakonie eines solchen Erzählens kennen wir von der amerikanischen Kurzgeschichte“, weiß die Laudatorin, „einer Gattung, der die deutsche Literatur nach 1945 viel verdankt und die aus guten Gründen ein lebhaftes Misstrauen gegen die ‚großen’ Worte hatte. Julia Kersebaum erzählt in einem ganz eigenen Ton diese Geschichte von Normalität und Besonderheit, was uns fast vermuten lassen könnte, dass uns hier von nichts anderem als ‚vom Leben selbst’ erzählt wird, schloss Bettina Bannasch. „Dabei ist etwas entstanden, was es eigentlich gar nicht gibt – eine poetische Kurzgeschichte“.

Zweiter Preis, 1.500 Euro Preisgeld

Mit der Erzählung „Fragen wenigstens, das hätte ich doch können“ überzeugte der letztjährige Preisträger Michael Lichtwarck-Aschoff, Jahrgang 1946, aus Stadtbergen (Landkreis Augsburg) erneut die Jury. Der Zweite Preisträger arbeitete lange Jahre als Intensivmediziner in Augsburg. Als Literat beschreibt er skurrile Situationen im Alltagsleben, oft mit dunklem historischem Hintergrund, präzise recherchiert, empathisch empfunden und fast erlebbar erzählt. So auch hier in diesem Porträt der Großmutter: „Der Ich-Erzähler zeichnet die alte Dame mit liebevoller Ironie. Nicht einfach“, sagt Laudator Michael Friedrichs, „eine solche Geschichte in der Balance zu halten zwischen harmlos-anekdotischer Familiengeschichte und dem Grauen des Nationalsozialismus. Michael Lichtwarck-Aschoff gelingt das durch seine distanzierte Empathie“.

3. Preis, 1.000 Euro Preisgeld

Philipp Brotz, geboren 1982 in Calw, lebt in Freiburg. Der Studienrat erzählt in seiner Erzählung „Hamburg“ über eine schwierige Vater-Sohn-Beziehung. Paul, der Sohn, ist wohl mitten in der Pubertät, träumt von Nicole, mit der er offenbar noch nicht gesprochen hat und er raucht schon. Und er hat ein Ziel, das er von Besuchen bei seinen Großeltern und der Lektüre eines Reiseführers zu kennen glaubt, das ist Hamburg. „Ungewöhnliche Bilder, Vergleiche, Metaphern und jugendsprachliche Ausdrücke lassen den Text modern und stimmig erscheinen. Der Verfasser ist originell und manchmal schräg in der Wahl seiner Bilder“, resümiert Laudator Oswald Burger, „was man darf, wenn man so isoliert, verträumt, unglücklich und belesen ist wie der Held der Geschichte.

Sonderpreis für einen jungen Autoren bis 25 Jahre

Lars-André Amann, geboren 1991 in Herrenberg, schließt gerade sein Masterstudium der Literaturwissenschaft in Prag ab, dazu arbeitet er an seinem Debutroman. Mit dem Text „Die Heide“ schrieb er sich in die Juryherzen und erhält dafür die Einladung zum „Meisterkurs Literatur“ beim Schwäbischen Kunstsommer 2017 an der Schwabenakademie Irsee. Wir hören von der Heide, einem See, einer Hütte, lauter Orte, an denen Gefahren lauern können. Es gibt ein Geheimnis. Aus der Perspektive eines Buben erlebt man diese kleine Welt der großen Dramen, in der sich bereits alles um Eifersucht, Führungsansprüche, Gewalt oder Ausschluss dreht. „Dieser junge Autor hat mit Spaßgesellschaft und Pop-Literatur erfreulich wenig zu tun“, befanden Laudator Dr. Berndt Herrmann und die Jury. „Die Erzählung entfaltet den berühmten Sog, der den Leser nicht mehr loslässt“.

Jury

Prof. Dr. Bettina Bannasch, Oswald Burger, Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl, Dr. Michael Friedrichs, Dr. Berndt Hermann, Mag. Dr. Ulrike Längle, Dr. Sebastian Seidel, Vorsitz Dr. Michael Friedrichs.

Anthologie

Aus den 232 Einsendungen wurden 24 Beiträge ausgewählt.

„Kindheit“, Wißner-Verlag Augsburg, Herausgeber Dr. Peter Fassl ISBN 978-3-95786-103-0; 397 Seiten, 14,80 Euro.

Information

Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl, Telefon 0821/ 3101-310; Heimatpflege@Bezirk-Schwaben.de

Kategorien: Heimatpflege

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