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4. Irseer Gespräch: Prof. Dr. Hans Maier im Gespräch mit Weihbischof Dr. Anton Losinger.

31.10.2019 „Bildung ermöglicht die Verhältnisbestimmung zum Ganzen. Sie besteht nicht in der Anhäufung von Wissen. Das ist in einer Welt beschleunigter Digitalisierung und Medialisierung wichtiger denn je“.

Dr. Stefan Raueiser, Leiter des Schwäbischen Bildungszentrums und Bildungswerks Irsee, Weihbischof Dr. Anton Losinger, Prof. Dr. Hans Maier, ehemaliger bayerischer Kultusminister und Robert Antretter, Ehrenvorsitzender der Bundesvereinigung Lebbenshilfe (v.l.n.r.).
Beim vierten Irseer Gespräch war der langjähriche bayerische Kultusminister Prof. Dr. Hans Maier in Kloster Irsee zu Gast. (Bild: Marlene Lang/Schwäbisches Bildungszentrum Irsee)

Auf Einladung von Weihbischof Dr. Dr. Anton Losinger und Robert Antretter, Ehrenvorsitzender der Bundesvereinigung Lebenshilfe, fand wiederum ein Gespräch zu ethischen Herausforderungen in Zeiten von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz in Kloster Irsee statt. In der vierten Gesprächsrunde widmete sich der Historiker und langjährige CSU-Politiker Prof. Dr. Hans Maier Grundsatzfragen der Bildung.

„Professor Maier referierte über Bildung als Verhältnisbestimmung des Menschen zum Ganzen, was einen deutlich anderen Schwerpunkt setzt als die aktuellen Diskussionen um die technische Ausstattung von Schule und Hochschule, die zunehmend zu Präparanden-Anstalten für spätere berufliche Herausforderungen werden“, berichtet Dr. Stefan Raueiser, Leiter des Schwäbischen Bildungszentrums Irsee, der das Gespräch organisierte.

„Das Grundwort von Bildung ist das Herausführen (lateinisch: educere) aus Unmündigkeit und Ahnungslosigkeit“, betonte der ehemalige bayerische Kultusminister (1970-1986) und frühere Präsident des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken (1976-1988). Die Bildungsreformen der 1960er und 1970er Jahre haben Bildungschancen für breite Bevölkerungsschichten eröffnet und die Ressourcen für wirtschaftliche wie gesellschaftliche Verantwortungs-Eliten deutlich verbreitert. Davon profitiert hat vor allem der ländliche Raum, nicht zuletzt in Bayern, der nach dem Verschwinden der Klosterschulen im Zuge der Säkularisation bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein erhebliche Bildungsdefizite aufzuweisen hatte. Heute gehe es darum, in den Schulen Internationalität und Interkulturalität einzuüben, ggf. sogar Konzepte von Mehrsprachigkeit zu erproben und dabei z.B. auch von Perspektiven wie Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache zu profitieren. Zwar sei es richtig, dass man nicht für die Schule, sondern für das Leben lerne, aber eine solche Formulierung berge die Gefahr, Schule rigoros in den Dienst der Zukunft zu stellen, statt Eigensinn und Muße zu fördern: „Schule und Hochschule sollen das Sprechen, Denken, Begreifen und Unterscheiden fördern und stellen damit eine notwendige Korrektur zur heutigen Reizüberflutung durch die Medien dar, die Realität immer nur sekundär vermitteln können“, mahnte der engagierte Katholik und Kulturpolitiker Maier.

Augsburgs Weihbischof Dr. Anton Losinger zeigte sich erfreut, dass Bildungsthemen zunehmend politische Fragen werden, die mitunter sogar wahlentscheidend wirken, weil Eltern die bestmögliche Bildung für ihre Kinder anstreben und einfordern. „Angesichts der dramatisch verkürzten Halbwertszeit des Wissens – in den Ingenieurwissenschaften mittlerweile unter zwei Jahren – kommt es aber darauf an, der Beschleunigung und Digitalisierung einen qualitativen, statt quantitativen Bildungsbegriff entgegen zu stellen“, resümierte der langjährige Vorsitzende des Stiftungsrats der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und Mitglied des Senats der Max-Planck-Gesellschaft.

Mündigkeit ist von je her ein Erziehungsziel der Schule, dies gilt auch bzw. gerade im digitalen Zeitalter, meinte auch Robert Antretter, Ehrenvorsitzender der Lebenshilfe: „Schule hat einen kritisch-korrigierenden Part, die Interessen der Wirtschaft dürfen nicht überhand nehmen“, forderte der langjährige SPD-Bundestagsabgeordnete (1980-1998) und Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung des Europarates (1993-1999).

„Ziel der Irseer Gespräche sind keine kurzfristigen Medienhypes, sondern Empfehlungen an Politik und Gesellschaft, auch dem grundlegenden Überlegen Platz einzuräumen“, erläutert Dr. Stefan Raueiser das Grundanliegen der Gesprächsrunde. Bisherige Gäste waren der frühere SPD-Partei- und -Fraktionsvorsitzende Hans-Jochen Vogel (zur embryonalen Diagnostik und der möglichen Selektion von Föten mit genetischen Besonderheiten), der BUND-Naturschutz-Vorsitzende Prof. Dr. Hubert Weiger (zur päpstlichen Enzyklika „Laudato Si“) und Wirtschaftsminister a.D. Franz Josef Pschierer (über ethische Herausforderungen von Künstlicher Intelligenz und Big Data). Ort des Gedankenaustauschs ist stets Kloster Irsee, Tagungs-, Bildungs- und Kulturzentrum des Bezirks Schwaben, das mit seinem Gedenken an die Opfer der NS-„Euthanasie“ in besonderer Weise der Menschenwürde des Individuums wie den Grundwerten des gesellschaftlichen Zusammenlebens verpflichtet ist.

Ansprechpartner:

Dr. Stefan Raueiser
Leiter des Schwäbischen Bildungszentrums und des Bildungswerks Irsee
Mail: stefan.raueiser@kloster-irsee.de

www.kloster-irsee.de
www.bildungswerk-irsee.de

Kategorien: Veranstaltungen in Irsee