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Afrikanische Pflegeschülerin auf dem Weg zu ihrem Traumberuf

von links: Schulleiter Erich Renner, Asha, Klassenleiterin Ilona Strobel
Gruppenbild (Bild: Georg Schalk)

07.08.2020 Ihren Vater hat sie nie kennengelernt, ihre Mutter ist früh nach dem Tod ihres Mannes weggezogen. Mwanasha Rajojo, die ihre Freunde kurz „Asha“ nennen, hat nie aufgegeben und sich stattdessen „durchgebissen“.

Dank ihres Fleißes und ihres Durchhaltevermögens macht die 28-Jährige aktuell an der Berufsfachschule für Pflege am Bezirkskrankenhaus (BKH) Günzburg eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin. „Das ist mein Traumberuf: Ich wollte schon immer Krankenschwester werden“, sagt die gebürtige Kenianerin. Dass sie so weit gekommen ist und heute in Deutschland lernen darf, hat sich auch dem „Projekt Schwarz-Weiß“ zu verdanken, das in Roggenburg (Kreis Neu-Ulm) entstanden ist.

„Projekt Schwarz-Weiß“ ist ein als gemeinnützig eingetragener Verein, der sich in Afrika für Kinder in Not einsetzt. In den von seinen Mitgliedern und Sponsoren geförderten Projekten der „Nice View Trust Foundation“ in Kenia finden ausgesetzte, verwaiste und verwahrloste Kinder ein neues Zuhause.

Mwanasha ist so eines. Sie und ihre beiden Brüder Haji und Suleiman hatten das Glück, im Jahr 2000 vom „Nice View Projekt“ aufgenommen zu werden. Der Dorfälteste hatte sie ausgesucht. „Asha“ war zu diesem Zeitpunkt acht, Haji sechs und Suleiman zwölf Jahre alt. „Ich durfte damals nicht zur Schule gehen, weil in meiner Familie kein Geld da war. Stattdessen mussten wir Mädchen Wasser holen und Holz suchen“, erzählt Asha. Die drei Geschwister gehörten zu den ersten acht Kindern, die das Kinderdorf von „Nice View“ aufgenommen hat. Bis heute sind es mehr als 70. Das Kinderdorf befindet sich in Msambweni, das zu den ärmsten Regionen Kenias gehört. Asha wurde unweit davon entfernt in der Region Kwale (südlich von Mombasa) geboren.

Maßgeblichen Anteil an der Entstehung des Nice View Projektes in Msambweni hat die Familie Dürr aus Ingstetten, einem Ortsteil von Roggenburg. Weil Edmund Dürr beim Bau der Häuser selbst Hand anlegte und Gudrun Dürr sich Tag und Nacht um ihre Schützlinge kümmerte, fanden immer mehr Kinder Schutz und Geborgenheit im „Nice View Children´s Village“, von denen einige sonst die nächsten Tage nicht überlebt hätten. Die drei Kinder des Ehepaars Dürr, Marcel, Denise und Pascal, unterstützen ihre Eltern mit Rat und Tat. Wenn Asha heute von ihrer Mutter spricht, meint sie nicht ihre leibliche Mutter, sondern Gudrun Dürr. Frau Dürr, die in Kenia geblieben ist, wurde im Oktober 2019 nach 20 Jahren Schaffenskraft mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Zur „Nice View Trust Foundation“ gehören inzwischen ein Kinderdorf und ein Farmprojekt zur teilweisen Selbstversorgung, eine Schreinerei und eine Schneiderei, Schule und Kindergarten sowie ein Krankenhaus (Medical Centre).

Asha kam mit Hilfe von Gudrun Dürr 2017 nach Deutschland. Sie landete als Au-pair bei einer Gastfamilie in der Nähe von Pfreimd in der Oberpfalz. Sie studierte Enährungswissenschaften und schloss in der Zwischenzeit eine Ausbildung zur Ernährungsberaterin erfolgreich ab. Nach einem Jahr verfestigte sich ihr Wunsch, ihren Traumberuf Krankenschwester zu erlernen. „Das war aber nicht so einfach wegen der Sprache“, erzählt die junge Frau. Dass sie heute so gut Deutsch spricht, hängt maßgeblich mit ihrem Ehrgeiz zusammen, mit Hilfe von Youtube-Videos die deutsche Sprache zu lernen. Außerdem übte ihre Gastfamilie viel mit ihr.

2018 kam sie nach Krumbach, um an der dortigen Kreisklinik ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) zu absolvieren. „Da habe ich in der Kardiologie gearbeitet. Das hat mir viel Spaß gemacht“, berichtet sie. Dann bewarb sich Asha um einen Ausbildungsplatz an der Berufsfachschule für Pflege in Günzburg – und erhielt eine Zusage. Seit April 2019 gehört sie der Klasse F19 an.

Auch dort macht ihr ihre Ausbildung nach eigenem Bekunden viel Spaß. „Der Beruf liegt mir am Herzen. Ich möchte von dem, was ich erlebt habe, anderen etwas zurückgeben.“ Wenn man die junge, sympathische Frau mit ihrem ansteckenden Lächeln so vor sich sieht, spürt man förmlich ihre Leidenschaft, anderen Menschen helfen zu wollen. Der Beruf der Pflegekraft sei anspruchsvoll, aber überaus erfüllend. Er könne bisweilen „ein bisschen anstrengend“ sein, wenn man mal am Feiertag oder am Wochenende arbeiten muss, wenn andere frei haben, sagt sie.

Klassenleiterin Ilona Strobel bezeichnet Mwanasha als „sehr, sehr fleißige Schülerin“. „Ich bewundere ihren Mut und ihre Durchhaltefähigkeit, die sie an den Tag legt, sich so zu engagieren und sich so toll in die Klasse zu integrieren.“ Ilona Strobel wohnt in einem Nachbardorf von Roggenburg und kennt das Projekt Schwarz-Weiß recht gut. „Dazu fällt mir der afrikanischer Spruch „Einer allein kann kein Dach tragen“ ein, den ich sehr passend finde: Er drückt aus, was man mit Gemeinsamkeit erreichen kann“, so die Lehrkraft. Auch Schulleiter Erich Renner ist von der afrikanischen Schülerin begeistert. Sie sei ein Musterbeispiel für jemand, der den Pflegeberuf liebt. Ob sie eine Chance hat, nach dem Ende ihrer Ausbildung übernommen zu werden? „Die Stellenaussichten sind hervorragend“, antwortet Renner.

Die 28-Jährige wohnt im Schwesternwohnheim auf dem BKH-Gelände. Ihre „Kollegen“, wie sie ihre 16 Mitschülerinnen und fünf Mitschüler nennt, findet sie sehr nett und hilfsbereit. Man sei in einer größeren Gruppe sogar schon mal in Augsburg gemeinsam essen gegangen. Auch wenn sie Kenia vermisst, will sie gerne in Deutschland bleiben. „Ich habe hier nur positive Erfahrungen gemacht. Man kann machen, was man will und anziehen, was man will.“ Etwas schwieriger sei es allerdings, wenn man kein Geld hat. Aber wie sagt der Afrikaner an dieser Stelle so schön: „Hakuna Matata“, was so viel heißt wie „Es gibt keine Probleme/Schwierigkeiten“. Asha lächelt sehr viel und gerne. „Bei mir zuhause ist das so: Obwohl man leidet, man lacht trotzdem.“

Beim Freunde suchen und finden sei der Unterschied zwischen Deutschland und Kenia groß. „Das ist hier viel schwieriger. Man ist mehr unter sich. Das ist in meinem Heimatland ganz anders“, sagt Asha. Dennoch hat sie einen Lebenspartner gefunden: Seit zwei Jahren ist sie mit einem gleichaltrigen Mann aus Baden-Württemberg liiert. Mitte August fahren sie zusammen für eine Woche nach Berlin, um dort Urlaub zu machen.

Aktuell macht Asha den Führerschein, auch wenn sie kein Auto besitzt. Beeindruckend findet sie die vielen Verkehrsregeln in Deutschland. „In Kenia ist das ganz anders. Wer dort über einen Zebrastreifen läuft, droht überfahren zu werden.“ Als Muslim geboren, wuchs sie in einer christlichen Umgebung auf. Mit 18 Jahren entschied sie sich für das Christentum. Die freie Entscheidung zu konvertieren wäre in ihrem ursprünglichen Lebensumfeld undenkbar gewesen.

In Krumbach besuchte Asha einen evangelischen Gottesdienst, bei dem Gospels gesungen wurden. „Da habe ich mich sehr wohlgefühlt.“ Privat singt sie leidenschaftlich gerne Lieder und Gospelsongs in der afrikanischen Sprache Swahili. Manchmal zeichnet sie sich dabei per Handy selber auf und verschickt dann das Video per WhatsApp an ihre Freunde und nach Afrika. Zum Beispiel an ihren jüngeren Bruder Haji, der sein Lehramtsstudium erfolgreich abgeschlossen hat und seit diesem Jahr in der eigenen „Nice View Schule“ in Kenia unterrichtet. Beide sind sehr dankbar für das, was ihnen Gutes im Leben widerfahren ist. Oder wie man in Kenia sagt: „Asante Sana“ – vielen Dank!

Kategorien: Bezirk Schwaben, Gesundheit

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