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Regionalwissenschaftlicher Uni-Preis an Johannes Moosdiele-Hitzler

Ausgezeichnet: Johannes Moosdiele-Hitzler mit Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl (Bild: Fotostelle Universität Augsburg)

15.05.2019 Preis des Bezirks Schwaben 2019 für eine regionalwissenschaftliche Arbeit an der Universität Augsburg Summa cum laude für Johannes Moosdiele-Hitzler: „Zwischen dem „lutherischen Spanien“ und dem „schwäbischen Rom“. Konfessionskultur, Pietismus und Erweckungsbewegung in der reichsritterschaftlichen Herrschaft Bächingen an der Brenz“

Augsburg (pm). Die ausgezeichnete Dissertation zeigt am Beispiel der reichsritterschaftlichen Herrschaft Bächingen an der Brenz, ob und wie die dortige besonders strenge pietistische Ausrichtung mit den rechtlichen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen vor Ort zusammenhing. „Der kleine Ort Bächingen stand zwischen dem katholischen Schwaben mit Dillingen als geistigem Zentrum und dem orthodox-lutherischen Württemberg“, erläutert Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl den lokalen Sonderweg Bächingens in die pietetisch-evangelische Entwicklung. So erreichte Bächingen die eigene Selbstständigkeit, geistlich wie herrschaftlich. Untersucht wurden die Handlungsweisen im Spannungsfeld von Landesherrschaft, Grundherrschaft und konfessionellem Nebeneinander von Katholiken, Lutheranern und Pietisten. Die Abgrenzung erlebte nach der Eingliederung in das Königreich Bayern eine nochmalige Zuspitzung und zog die Auswanderung eines erheblichen Bevölkerungsanteils nach Russland um 1820 nach sich. Mit etwa 10 Prozent war sie die höchste in Bayern.

„Anders als in den umliegenden Territorien prägte sich in Bächingen eine spezifische, zunehmend radikale pietistische Konfessionskultur aus, die bis in unsere Tage im Alltag erlebbar war“, unterstreicht Fassl: “Die Abgrenzung katholisch-evangelisch war äußerst dicht. Katholischen Dienstboten wurde untersagt, in Bächingen zu arbeiten. Die erste Heirat eines evangelischen Bächingers mit einer Katholikin aus dem Nachbardorf fand im zweiten Weltkrieg statt.“

Die konfessionelle, von den Reichsrittern betriebene herrschaftliche Politik setzte nach der Reformation auf die weltanschauliche Abgrenzung von den umliegenden Territorien. Daneben existierte ein ausgeprägter kirchenpolitischer Paternalismus. Dessen Grundlagen erodierten von den 1720er Jahren an, weil die regierende Familie vom Stain einen barocken, die Finanzkraft ihrer Herrschaft stark überstrapazierenden Lebensstil entwickelte, so Fassl. Neben dem daraus resultierenden Akzeptanzverlust in der Bevölkerung verschärfte ihr verantwortungsloses Gebaren auch das rasche Anwachsen einer dörflichen Unterschicht. Es folgten Radikalisierung und obrigkeitskritische Einstellung − auch der ursprünglich von der Ortsobrigkeit selbst eingesetzten pietistischen Bewegung. 1790 erwarb Herzogin Franziska von Württemberg, die prominenteste Pietistin ihrer Zeit im deutschen Südwesten, die Ritterherrschaft als Privatgut. Sie versuchte dort mit zahlreichen Maßnahmen ihre religiösen Ideale in die Realität umzusetzen.

Dass schließlich die chiliastisch aufgeladene Erweckungsbewegung in den Jahren um 1820 in Bächingen auf fruchtbaren Boden fiel, ist dem charismatischen Wirken des katholischen Pfarrers Ignaz Lindl zu verdanken. Zu dessen Predigten strömten scharenweise Gläubige aus ganz Süddeutschland. Angesichts des gegen ihn laufenden Amtsenthebungsverfahrens nahm er die Einladung des Zaren Alexander an. Bald darauf konnte er als Probst von Odessa seine Anhänger zur Auswanderung in seinen neuen Wirkungskreis bewegen. Tatsächlich war die Resonanz nirgendwo so groß wie in Bächingen.

Die mit neuen bemerkenswerten Quellenfunden (Briefe aus Russland) aufwartende Studie zeigt eindrucksvoll die Möglichkeiten einer fächerübergreifenden Mikroanalyse. Sie kann die konfessions- und landesgeschichtliche Forschung bereichern. Darüber ist sie anschlussfähig für weitere agrar- und sozialgeschichtliche Studien, zur Reichsritterschaft in Bayerisch-Schwaben und zur Kultur- und Mentalitätsgeschichte.

Erstgutachter: Prof. Dr. Marita Krauss
Zweitgutachter: Prof. Dr. Peter Fleischmann
Drittgutachter: Prof. Dr. Lothar Schilling

Jury

Bezirkstagspräsident Martin Sailer, Prof. Dr. Sabine Doering-Manteuffel, Präsidentin der Universität Augsburg, Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl.


Ansprechpartner
Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl, Telefon 0821/3101-310
Heimatpflege@Bezirk-Schwaben.de

www.bezirk-schwaben.de

Kategorien: Kultur und Heimatpflege

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