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Suchtfachambulanz und Sozialpsychiatrischer Dienst der Caritas feiern 20 Jahre

08.02.2017 Ihre Anfänge nahm die Außenstellen der Psychosozialen Beratungsstelle (heute Suchtfachambulanz) und des Sozialpsychiatrischen Dienstes des Augsburger Diözesan-Caritasverbandes im Oktober 1996 in Aichach mit 4 Angestellten. Jetzt feiern sie ihren 20. Geburtstag.

Die Suchtfachambulanz Aichach heute: (von links nach rechts) Monika Heitzinger Furchner, Elisabeth Pauli, Sabine Großmann, Regina Beer, Marlene Lindermeir und Kerstin Kastenhofer
Suchtfachambulanz heute (Bild: Caritas Augsburg/Bernhard Gattner)

Angefangen hatten sie mit drei Sozialpädagoginnen und einer Verwaltungskraft. Im Oktober 1996 waren die „Außenstellen“ der damaligen Psychosozialen Beratungsstelle (heute Suchtfachambulanz) und des Sozialpsychiatrischen Dienstes des Augsburger Diözesan-Caritasverbandes in Aichach begründet worden. Vorläuferin war die heutige Leiterin der Suchtfachambulanz Monika Heitzinger-Furchner gewesen. 1995 arbeitete sie von Augsburg aus einen halben Tag in der Justizvollzugsanstalt in Aichach und einen halben Tag im damaligen Büro der Kreis-Caritas im Aichacher Pfarrzentrum St. Michael. Heute hat die Suchtfachambulanz drei Sozialpädagoginnen, eine Psychologin sowie zwei Verwaltungskräfte und der Sozialpsychiatrische Dienst zählt zwei SozialpädagogInnen, zwei PsychologInnen und eine Verwaltungskraft. Ihr Dienstort: das Caritas-Zentrum in der Münchener Straße neben dem Landratsamt: Die Suchtfachambulanz ist beim Diözesan-Caritasverband geblieben, der Sozialpsychiatrische war 2000 vom Caritasverband für den Landkreis Aichach-Friedberg übernommen worden. Nun feierten beide Dienste in der Aichacher Tagesstätte gemeinsam ihren 20. Geburtstag mit Gästen aus Politik und Kirche.

Diözesan-Caritasdirektor Domkapitular Dr. Andreas Magg erklärte den Grund, warum sich die Caritas für diese beiden Angebote engagiere. „Unser Vorbild ist Jesus selbst. Das Evangelium erzählt uns, das, wann immer er angesprochen wurde, er Menschen am Rande wahrnahm, er stehenblieb, sich anhörte, was der Mensch wolle und dann half.“ Jürgen Reichert, Bezirkstagspräsident, erinnerte an die Geschichte des Aufbaus der sozialen Dienste nach dem Zweiten Weltkrieg auf der Grundlage der "Unantastbarkeit der Würde des Menschen." Immer mehr habe man schließlich in den 1990er Jahren erkannt, wie wichtig Lösungen seien, um an suchtkranke und psychisch kranke Menschen vor Ort heranzukommen. Aus diesem Anliegen heraus seien schließlich diese Dienste, die im ganzen Bezirk Schwaben vertreten sind, auch in Aichach entstanden. „Diese Menschen stecken in existentiellen Krisen. Sie brauchen Stellen, wo Menschen sie an die Hand nehmen, sie im Leben halten oder zurückführen.“ 20 Jahre Beratung und Begleitung heiße „Verlässlichkeit zu schaffen für die Menschen, die Ihre Hilfe brauchen“, sagte er. Laut Andreas Reimann, Geschäftsführer des Caritasverbandes für den Landkreis Aichach-Friedberg e. V., fördere der Bezirk allein den Sozialpsychiatrischen Dienst mit 260.000 Euro pro Jahr die Personalkosten.

„Gegen Vorurteile“ hatte sich die Suchtfachambulanz in Aichach anfangs zu behaupten. Sucht hieß Alkoholsucht, und Sucht wurde als moralisches Fehlverhalten verstanden nicht als Krankheit, so Heitzinger-Furchner. Wie falsch man damit liegen kann, hat ein Klient in einem persönlichen Beitrag verstehen lassen. Als er 19 Jahre alt war, starb sein Vater nach einem langen Krebsleiden. Er rutschte auf einmal in die Vaterrolle, handelte nur noch wie sein Vater und erlernte dann auch den Beruf, den sein Vater für ihn wünschte. Viele Jahr sei es gut gegangen. Doch die Kluft zwischen dem, wen er vorgab zu sein und wer er wirklich war, meinte er auf einer falschen Beratung und Empfehlung eines Psychiaters hin, mit Psychopharmaka überwinden zu können. Immer mehr nahm er ein, schließlich nahm er auch Alkohol. Seine Familie, seine Frau litten immer mehr darunter. Er wurde auch arbeitslos. Dass er „aus dem Schatten der Gesellschaft“ wieder heraustreten konnte und ein „vollwertiges Mitglied der Gesellschaft“ wurde, so seine eigenen Worte, verdanke er einerseits, der Einsicht, seinem Willen, eine Änderung herbeizuführen und auch die Bereitschaft, Hilfe zu suchen und sie auch anzunehmen. Die Beraterinnen der Caritas-Suchtfachambulanz hätten dann genau das Richtige getan. „Sie haben mich mit Fingerspitzengefühl an die Hand genommen und gleichzeitig mich mit klaren Fakten aufgeklärt.“ Alle Hilfen, Beratung auch für Kostenanträge, habe er in Anspruch genommen. Besonders dankbar zeigte er sich gegenüber Elisabeth Pauli von der Suchtfachambulanz, die sich durch ihre „einfühlsame Weise“ in seine Ehe mit seiner Frau eingebracht habe, „damit wir miteinander über die Probleme, die wir beide miteinander hatten, redeten, ohne uns zu verletzen.“

Eine Klientin des Sozialpsychiatrischen Dienstes erzählte freimütig, wie sie als vermeintliche Powerfrau einem Kindheitstrauma entfliehen wollte, deshalb immer mehr arbeitete, sich auch Sorgen anderer annahm, dadurch aber immer wieder seelische Zusammenbrüche erlebte. Solange, bis sie nicht mehr aus eigener Kraft sich daraus befreien konnte. Bei der Caritas habe es nicht lange gedauert, bis sie einen Termin für ein Gespräch erhielt. „Hier hörte man mir zu. So konnte ich loslassen, alles rauslassen. Und dadurch ging bei mir ein Knoten auf“, erzählte sie. „Ich bin so beeindruckt, wie achtsam man hier mit Menschen umgeht“, erklärte sie vor allen Gästen.

Um die unterschiedlichsten Suchtformen kümmert sich die Suchtfachambulanz, auch um die Angehörigen der Selbstbetroffenen. Die Vielfalt der psychischen Erkrankungen, die beim Sozialpsychiatrischen Dienst ständig Thema sind, beschäftigen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über ihre Arbeitszeit hinaus. Ob suchtabhängig oder psychisch krank, „all das sind Belastungen für uns“, so Sabine Graf, die nunmehr seit 20 Jahren beim Sozialpsychiatrischen Dienst in Aichach als Sozialpädagogin arbeitet. „Ich bewundere diese Menschen, wie sie ihr Leben mit ihrem Leidensdruck, auch oft mit so wenig Geld meistern“, sagte sie. Gleichzeitig erlebe sie die Vielfalt der Menschen als bereichernd. Erfolge stärken sie, wie alle Beraterinnen und Berater bestätigen können. Regina Beer, Psychologin in der Suchtfachambulanz, erzählte von jungen Erwachsenen, deren Persönlichkeit durch die Sucht völlig zugeschüttet sei. „In der Sucht haben sie keine Selbstwirksamkeit.“ Wenn aber die Beratung und Begleitung greife, „dann dürfen wir erleben, wie sie wieder Stück für Stück ihre eigentliche Persönlichkeit entdecken.“ Das zu erleben, „ist ein toller Job“, sagte sie.

Dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Suchtfachambulanz und des Sozialpsychiatrischen Dienstes sich um der Menschen willen so viel Belastung auf sich nähmen und dass „verbunden mit hoher Achtsamkeit und christlicher Nächstenliebe“, das verdiene „allergrößten Respekt“, so Landrat Dr. Klaus Metzger. Aichachs Bürgermeister Klaus Habermann würdigte beide Dienste als „wichtig und unverzichtbar“ für die Stadt. Mit einem Zitat des französischen Dichters Antoine de Saint-Exupery erinnerte er daran, dass es zum „Mensch sein“ dazu gehöre, „sich nicht zu schämen beim Anblick einer Not.“ Er hatte vor der Feier veranlasst, einen finanziellen Zuschuss an die Caritas für deren Arbeit zu überweisen.

Kategorien: Soziale Hilfen