„Zam schaffa“ in Kempten und im Oberallgäu - Eine Woche, die jedes Jahr Grenzen im Kopf verschiebt
An guten Tagen geht Teslime König zur Arbeit ins Werkhaus und in die Tagesstätte der Diakonie Allgäu in Kempten. Und gute Tage hat König zum Glück meistens, wie sie betont. „Ich bin relativ stabil – und wenn die richtigen Kollegen da sind, macht es Spaß“. Seit 2019 packt die Kemptenerin bei der Diakonie an, wenn es der eigene Körper und ihre Psyche zulassen. König fertigt Anbrennholz. Sie nimmt im Werkhaus gespendetes Holz entgegen, entfernt die Nägel aus den Scheiten und sägt das Holz mit der Kreissäge zurecht. Auch in der Küche ist die 44-Jährige im Einsatz: vom Salat über den Hauptgang bis zum Dessert – König ist Allrounderin. Was Menschen wie sie mit ihrer Erkrankung leisten, werde jedoch nicht immer gesehen, sagt sie. „Wir Erkrankten leisten mehr als man uns ansieht. Ich finde es schade, wenn uns manchmal kein Respekt entgegengebracht wird.“
Neues auf den Tellern und in den Köpfen
König gefällt es deshalb, dass es eine Projektwoche wie „Zam schaffa“ gibt, die Menschen mit psychischer Erkrankung sichtbarer macht. „Es ist gut, wenn Menschen, die sonst nur am Schreibtisch arbeiten, am eigenen Leib erleben, was wir schaffen“, sagt sie und meint damit auch Annemarie Eberhard, die mit ihr in der Küche steht. Eberhard arbeitet normalerweise in der Sozialverwaltung des Bezirks Schwaben als Psychiatriekoordinatorin. Mit König steht sie gemeinsam in der Küche. Eine Abwechslung vom normalen beruflichen Alltag. „Hier kommt man einfacher ins Gespräch“, sagt Eberhard und ergänzt: „In meinem Beruf habe ich vor allem Kontakt mit Fachkräften und Leitungen von Einrichtungen. Dank ‚Zam schaffa‘ lerne ich noch mehr die Perspektive von Betroffenen wie Frau König kennen.“ Die 33-Jährige ist von der Atmosphäre in der Tagesstätte und Teslime König beeindruckt. Nach „Zam schaffa“ hat sie sich eines für ihren Alltag beim Bezirk vorgenommen: „Ich werde mir in Zukunft immer wieder ein eigenes Bild der vom Bezirk geförderten Einrichtungen machen, um einen persönlichen Eindruck von der wichtigen Arbeit vor Ort zu gewinnen.“
Über „Zam schaffa“
Während der Projektwoche „Zam Schaffa“ besuchen Gäste aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung in Kempten und im Oberallgäu die Arbeitsplätze von Menschen mit psychischer Erkrankung. Das Ziel: Beim gemeinsamen Arbeiten kommen alle miteinander ins Gespräch, Vorurteile werden abgebaut, Betroffene sollen sichtbarer werden. Partner der Aktion sind die Allgäuer Werkstätten, das Berufliche Trainingszentrum (BTZ) in Kempten, die Diakonie Allgäu, der HOI-Verein, die Katholische Jugendfürsorge (KJF) die ifd Schwaben gGmbH, die psychosoziale Hilfsgemeinschaft HOI! sowie der Psychosoziale Hilfsverein OhA e. V.
Über den GPV Kempten-Oberallgäu
Veranstalter der jährlichen Aktionswoche „Zam schaffa“ ist der GPV Kempten-Oberallgäu des Bezirks Schwaben. Der GPV (Gemeindepsychiatrischer Verbund) ist ein Zusammenschluss von mehr als 100 regionalen Einrichtungen und Träger der Psychiatrie vor Ort. Jährlich nutzen rund 2.100 Menschen in der Region die Angebote des GPV.