Zwischenbilanz: Modellprojekt Stärkung der Suchthilfe des Bezirks in Kempten zeigt erste Erfolge
Eine nachhaltig bessere Situation für Menschen, die illegale Substanzen konsumieren – dieses Ziel hat das auf drei Jahre angelegte Modellprojekt „Stärkung der Suchthilfe in Kempten und im Oberallgäu“, das der Bezirk Schwaben finanziert. Bezirkstagspräsident Martin Sailer freut sich über die ersten Erfolge des Projekts: „Dem Bezirk ist es Anliegen und Verpflichtung zugleich, die Suchthilfe vor Ort zu stärken und Betroffenen bestmöglich zu helfen.“
Die Rolle der Caritas Augsburg
In Kempten und im Oberallgäu gestaltet der Caritasverband für die Diözese Augsburg die konkreten Maßnahmen aus. „Im Rahmen des Modellprojekts Stärkung der Suchthilfe in Kempten und im Oberallgäu können wir Menschen in ihren Lebenswelten erreichen, die ansonsten keinen Zugang zum Hilfenetz finden würden“, sagt Barbara Habermann, Gesamtleitung des Referats Sucht und Psychiatrie bei der Caritas.
Was in Kempten und im Oberallgäu bisher geschah
In Kempten setzt die Caritas‑Anlaufstelle „Talk Inn“ in Kooperation mit der Stadt konkrete Maßnahmen um: Das Streetwork‑Team, das aktuell 2,25 Vollzeitstellen umfasst, konnte seine Kontakte von 1.102 (2024) auf 1.600 (2025) steigern. Dabei waren die Mitarbeitenden vor allem in Kempten am „Forum“, beim REWE-Markt in der Haubenschloßstraße und in Immenstadt bei der Berufsschule sowie am Bahnhof im Einsatz. Auch der Kontaktladen in Kempten – eine niederschwellige soziale Einrichtung für Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen und Substanzabhängigkeit – verzeichnet inzwischen deutlich mehr Zulauf: die Besucherzahlen sind von 612 auf 837 innerhalb eines Jahres gestiegen.
Zur besseren Versorgung im Oberallgäu ist seit Mai 2025 ein Beratungsmobil im Einsatz. „Das Beratungsmobil eröffnet uns die Möglichkeit, vor Ort in Notunterkünften oder im Streetwork zeitnah unterstützend tätig zu sein. Auch können sich interessierte Jugendliche, Lehrkräfte und Angehörige, die Fragen im Zusammenhang mit Substanzkonsum haben, anonym an die Mitarbeitenden vor Ort wenden“, sagt Barbara Habermann. Das Beratungsmobil ergänzt die Anlaufstellen vor Ort und gibt steriles Material aus, nachdem die geplanten Spritzentauschautomaten keine Genehmigung erhielten. Um für die Betroffenen eine niedrigschwellige medizinische Versorgung anzubieten, sucht die Caritas aktuell einen Arzt oder eine Ärztin, der oder die im Beratungsmobil mitfährt.
Auch wurde die Substitutionsbegleitung ausgebaut, um mehr Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen und Substanzabhängigkeit für eine Drogenersatztherapie zu gewinnen, eine Jugendsuchtberatung nach Umbaumaßnahmen in Kempten („Talk Inn“) eingerichtet und das Personal für zusätzliche Angebote geschult: Mitarbeitende führen nun in Kooperation mit dem Zentrum für Aidsarbeit Schwaben Hepatitis‑C‑Schnelltests durch. Die Ansteckungsgefahr mit diesem Virus ist für diese Personengruppe besonders hoch, da hier oft das Spritzbesteck geteilt wird.
Außerdem fanden Naloxon‑Schulungen statt – ein wichtiger Baustein zur Soforthilfe bei Opioid‑Überdosierungen. Naloxon können Helfende in Form eines Nasensprays verabreichen. Es wirkt lebensrettend bei Opioid-Überdosierungen (zum Beispiel durch Heroin).
Wissenschaftliche Begleitung
Um die Situation von Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen und Substanzabhängigkeit langfristig verbessern zu können, begleitet das Bezirkskrankenhaus Augsburg das Modellprojekt wissenschaftlich. Dabei verfolgen der wissenschaftliche Leiter und Oberarzt Marcus Gertzen und sein Team einen ganzheitlichen Ansatz, der medizinische, soziale und ordnungsrechtliche Fragen berücksichtigt. Als wissenschaftlicher Leiter betreut Gertzen gemeinsam mit seinem Team nicht nur das Modellprojekt in Kempten und im Oberallgäu, sondern auch das im März 2024 gestartete Projekt in Augsburg: „Mit dem Projekt zur Stärkung der Suchthilfe in Augsburg und Kempten eröffnet sich uns die Chance, bestehende Strukturen sichtbar zu machen, Barrieren zu überwinden und die Versorgung von Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen in Schwaben nachhaltig zu verbessern.“
Über das Modellprojekt
Das Modellprojekt des Bezirks Schwaben hat einen Gesamtumfang von 350.000 Euro. „Die Suchthilfe vor Ort zu stärken und Betroffenen bestmöglich zu helfen, zahlt sich übrigens auch in finanzieller Hinsicht aus“, betont Bezirkstagspräsident Martin Sailer. Jeder in die Suchthilfe investierte Euro spart rund 17 Euro Folgekosten beispielsweise für Krankenbehandlungen, Arbeitslosigkeit oder Strafvollzug ein. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie im Auftrag des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit.