Partnerschaftsarbeit in der Ukraine: Interview mit Dr. Katharina Haberkorn
Im Interview berichtet Frau Dr. Katharina Haberkorn, stellvertretende Leitung Europabüro Bezirk Schwaben, über den Kriegsbeginn, wie sich die Partnerschaftsarbeit des Bezirks vor Ort auszahlt und was sie in den zehn Jahren ihrer Mitarbeit bereits erlebt hat.
Als vor vier Jahren Russland seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine begonnen hat, haben Sie nicht gezögert und sind direkt in die Bukowina gereist, um Kinder mit Behinderung aus dem Kriegsgebiet nach Deutschland zu bringen. Das war eine gefährliche Situation auch für Sie selbst – was hat Sie dazu bewegt, diesen Schritt zu gehen? Welche Gedanken hatten Sie, als Sie vom Krieg erfuhren?
Es war für mich persönlich und auch für alle Beteiligten furchtbar. Schon um fünf Uhr in der Nacht habe ich das Telefon in der Hand gehalten und mit Menschen vor Ort kommuniziert. In den ersten Tagen ging es vor allem um Evakuierungen und um Schutzkeller: Es wurden Züge und Busse organisiert. Aber die kommen für Kinder mit Rollstühlen überhaupt nicht in Frage. Für uns war klar, dass einige Kinder, die wir persönlich schon kannten, Medikamente aus dem Ausland brauchen und so schwer behindert sind, dass sie nicht transportierfähig waren. Der Bezirk Schwaben hat dann relativ schnell durch sein Netzwerk die Arbeit aufgenommen und wir Mitarbeitenden konnten Fahrzeuge organisieren: Kleinbusse, aber auch zwei Krankenwagen, die uns Liegendtransporte ermöglicht haben. Insgesamt konnten wir dann 35 Personen, Kinder mit Eltern und Geschwisterkindern, evakuieren. Während der Fahrt haben wir wenig geschlafen, waren sehr aufgeregt, haben aber im Grunde nur auf Autopilot funktioniert. Das ganze Verarbeiten hat erst später eingesetzt – als die Familien dann schon in Deutschland waren.
Seit 2022 haben Sie außerdem über 60 Hilfstransporte des Bezirks Schwaben an die Bukowina begleitet. Wie bedeutend sind die Hilfstransporte des Bezirks für die Menschen vor Ort – was bedeutet das für Sie persönlich?
Wir organisieren Hilfstransporte immer in enger Absprache mit unseren Partnern vor Ort. Wir fragen immer, was gebraucht wird und schauen dann, dass wir die Bedarfe abdecken, die uns kommuniziert werden. Wenn dann die LKWs vor Ort ankommen, kriegen wir eine ganz große Welle an Dankbarkeit zurück – sowohl von staatlich-offizieller Stelle als auch von NGOs und anderen Menschen, die vor Ort Hilfe leisten. Das erlebe ich schriftlich im Briefverkehr, aber auch in besonderem Maße auf den regelmäßigen Reisen in die Region. Jede unserer Hilfen kann niedrigschwellig die Situation ein bisschen verbessern. Hilfsgüter sind Lebensmittelpakete, Spielzeuge für die Kinder, Schulranzen. Aber das können auch große Geräte, Autos oder Krankenhausmaterial sein. Unser Wunsch ist, dass wir vor Ort die Grundbedürfnisse der Menschen abdecken können. Und dass die Menschen, die geflohen sind und als Binnenvertriebene heute in unserer Partnerregion leben, gut aufgehoben sind.
Bei Ihrer Arbeit mit unseren europäischen Partnern haben Sie sicherlich schon einiges erlebt. Können Sie uns eine Herzensgeschichte aus Ihrer Zusammenarbeit mit den europäischen Partnern schildern – ein Moment, der Ihnen noch lange im Gedächtnis bleibt?
Was ich immer wieder schön finde, ist, wenn wir bei solchen Reisen erwachsenen Menschen begegnen, die uns erzählen, dass sie als 15-, 16-Jährige bei einer unserer Jugendbegegnung dabei waren und den Bezirk Schwaben kennen. Gerade letzte Woche haben wir eine Frau getroffen, die mittlerweile als Dozentin an der Universität arbeitet. Sie war eine der ersten Jugendlichen, die 1992 – vor ungefähr 30 Jahren – an einer Jugendbegegnung teilgenommen hat. Heute noch hat sie zu anderen Personen der Begegnung Kontakt und den Bezirk Schwaben nie vergessen. So etwas ist sehr berührend: Zu sehen, dass der lange Atem sich auszahlt und dass wir, wenn wir das T-Shirt des Bezirks Schwaben anhaben und in die Bukowina fahren, immer auf Menschen treffen werden, die etwas mit uns verbinden. Es ist schön zu sehen, dass sich unsere Arbeit lohnt.